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Analysen - Ausland
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27.09.2010
Petrobras größte Aktienemission aller Zeiten
Heibel-Ticker
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www.optionsscheinecheck.de
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Berlin (aktiencheck.de AG) - Nach Ansicht der Experten von "Heibel-Ticker" können langfristige Anleger, die sich mit einer Dividendenrendite von 3,6% zufrieden geben, die Vorzugsaktie von Petrobras (ISIN US71654V1017/ WKN 615375) als einen Depotbestandteil ins Auge fassen.
2007 habe der brasilianische Ölkonzern Petrobras vor der Küste Brasiliens Ölvorkommen in der Tiefsee entdeckt. Seither sei eine ganze Reihe weiterer Ölfelder nachgewiesen worden, und Petrobras arbeite fieberhaft an der Technologie, die zur Förderung der riesigen Ölvorkommen erforderlich sei. Doch das koste Geld. Viel Geld. Zum einen müsse Petrobras eine Genehmigung für die Ölförderung bei der brasilianischen Regierung einkaufen. Zum anderen müsse kräftig in Technologie und Infrastruktur investiert werden. Und all das in Zeiten, da weltweit ein Schwenk zu regenerativen Energien vollzogen werde, oder?
Zumindest sollte man das meinen, insbesondere nachdem das BP (ISIN GB0007980591/ WKN 850517)-Unglück in der Karibik in diesem Sommer nochmals deutlich gemacht habe, dass Öl nicht nur viel CO2 in die Umwelt schleudere, sondern auch bereits in der Beschaffung sehr gefährlich sein könne. Doch wie so häufig komme es erstens anders und zweitens als man denke. Das Unglück in der Karibik habe bestenfalls dazu geführt, dass Investoren bewusst geworden sei, wie teuer die notwendige Technologie sein würde. Sicherheitsvorschriften seien erhöht worden, und anstelle von schrumpfenden Gewinnmargen bei Ölkonzernen steige der Ölpreis an.
Und weil die Industriestaaten weltweit inzwischen knapp bei Kasse seien, werde die Förderung regenerativer Energien auf die lange Bank geschoben, vielmehr suche man nach günstigeren Alternativen, um die Kosten der Energieversorgung mittelfristig im Rahmen zu halten. In Deutschland erlebe die Atomenergie eine Renaissance. In den USA seien die Umweltpläne von Obama kaum noch zu hören. Und mangels Förderung der Alternativen zum Öl könne sich diese Energiequelle ungehindert auf ein neues Preisniveau schwingen - wer hätte vor drei Jahren geglaubt, dass wir uns an einen Ölpreis über 70 USD/Fass gewöhnen könnten? Und wo seien die vielen abgemeldeten Autos, deren Halter gegen einen Benzinpreis über 2,50 DM/Liter Sturm laufen würden?
Die größte Aktienemission aller Zeiten komme zudem zu einem Zeitpunkt, da Staaten nicht mehr als sicher gelten würden. Zumindest die extrem niedrige Verzinsung der Staatsanleihen werde von vielen Anlegern nicht mehr als ausreichend angesehen, das Risiko einer Inflation, eines Zahlungsausfalls etc. aufzuwiegen. Alternativen seien rar, da komme eine Aktienemission eines Ölkonzerns aus einem politisch inzwischen recht stabilen Land sehr gelegen.
Die Finanzmärkte hätten am Donnerstag kein Problem gehabt, die 70 Mrd. USD für die neuen Aktien aufzubringen. Seit Wochen schon berichte die brasilianische Notenbank von großen Zahlungsströmen ins Inland. Institutionelle Anleger hätten große Summen nach Brasilien transferiert, um sich für diese Emission zu rüsten. Der Brasilianische Real habe dadurch knapp 5% an Wert zugelegt.
Bei der Beurteilung einer Anlage in Petrobras würden die Experten zwei recht allgemeine Ansätze betrachten: Zum einen den Turmbau zu Babel und zum anderen die linke brasilianische Regierung.
Der Turmbau zu Babel sei Sinnbild für den Größenwahn von Menschen am Zenit einer Entwicklung. Das Empire State Building sei kurz vor der Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1932 geplant und in Auftrag gegeben worden. Ähnliche Mega-Projekte in der ganzen Welt hätten immer wieder den Zenit einer Entwicklung markiert, es sei die Ernüchterung gefolgt. So sei es zumindest eine Überlegung wert, ob die gigantische Summe von 70 Mrd. USD nicht ebenfalls einen Zenit am Ölmarkt markiere. Zumal mit den 70 Mrd. USD gerade einmal das eingesetzte Eigenkapital finanziert werde, insgesamt würden Analysten von einem Investitionsvolumen von weit über 200 Mrd. USD ausgehen.
Ein weiterer Punkt, der Anleger stutzig machen werde, sei die Beteiligung der brasilianischen Regierung an Petrobras. Im Rahmen der Aktienemission habe das Land seine Beteiligung auf 48% erhöht, Petrobras sei damit fast zur Hälfte verstaatlicht. Bezahlt worden sei diese Anteilserhöhung durch die Erteilung der Erlaubnis, 5 Mrd. Fässer Öl aus der Tiefsee zu fördern. 42,5 Mrd. USD der 70 Mrd. USD Kapitalerhöhung seien dem Unternehmen also nicht in bar zugeflossen, sondern seien gegen das Förderrecht eingetauscht worden.
Zur Finanzierung der notwendigen Investitionen in der Gesamthöhe von über 200 Mrd. USD würden Analysten die Ausgabe von Unternehmensanleihen erwarten, die durch eine attraktive Verzinsung die erwarteten Gewinne je Aktie schmälern würden. Es handle sich also um ein gigantisches Projekt, dessen in der Zukunft auftretende Probleme heute noch kaum abgesehen werden könnten. Die Experten würden daher, ganz grob gesagt, die folgende Entwicklung erwarten:
Kurzfristig werde nun die Euphorie über die gelungene Kapitalerhöhung Oberhand gewinnen und die Aktie könnte tatsächlich ein wenig zulegen. Es werde Berechnungen geben, wie viel Öl aus der Tiefsee geholt werden könne, was dafür an Kosten anfallen könnte und zu welchem Preis das Öl verkauft werden könne. Daraus werde, auch unter Einberechnung vieler Unsicherheitsfaktoren, noch immer ein dicker Gewinn für Petrobras abgeleitet, was der Aktie Beine machen sollte.
Doch wie man in Hamburg am Bau der Elbphilharmonie erlebe, seien selbst die pessimistischsten Erwartungen für solche gigantischen Projekte häufig nicht pessimistisch genug. Im Verlauf der nächsten Monate und Jahre würden Probleme aufkommen, die zu exorbitant hohen Mehrkosten führen würden. Zudem werde in den nächsten Tagen Präsident Lula durch einen Nachfolger abgelöst, vermutlich ebenfalls ein weiterer Linkspolitiker. Während Lula eine für linke Verhältnisse ordentliche Wirtschaftspolitik betrieben habe, sei es natürlich niemals sicher, wie lange sich der Staat vor einem Zugriff auf lukrative Gewinne halb-staatseigener Konzerne zurückhalten werde. Unternehmen, die den Staat als Großaktionär im Boot hätten, würden zwar selten Pleite gehen, doch die Gewinne würden nicht in den Himmel wachsen.
Und während man derzeit eine Rückbesinnung auf Öl und Atomenergie habe, werde auch dieser Trend nicht über mehrere Jahre anhalten. Die Experten würden denken, dass insbesondere die Automobilindustrie in den nächsten Jahren die Abhängigkeit vom Öl vermindern werde. Also kurzfristig hoch, mittelfristig runter und langfristig würden die Schwellenländer dafür sorgen, dass die Öleinsparerfolge der Industrieländer und der Schwenk zu regenerativen Energien nicht ausreichen würden, einen weiteren Anstieg der Nachfrage nach Öl aufzuhalten. Und somit werde Petrobras nach Erachten der Experten langfristig zu einem der größten Ölkonzerne aufsteigen. Die technischen Probleme bei der Ölförderung in der Tiefsee würden gelöst, egal was es koste, und damit werde Petrobras in fünf bis zehn Jahren zu den Ölkonzernen mit den größten Ölreserven gehören.
Bleibe also die wichtigste Frage: Sollte man die Aktien nun kaufen oder nicht? Für die Beantwortung dieser Frage würden sich die Experten die Dividendenrendite anschauen. Diese betrage 3,6%. Die Experten würden sagen, dafür könne man schon ein paar Jahre abwarten und auftretende Probleme aussitzen. Genau wie bei der Aktienplatzierung der Deutschen Bank werde es auch bei Petrobras dazu führen, dass die zur Verfügung stehende Liquidität für neue Aktienkäufe austrockne. Der Aktienkurs dürfte für einige Tage unter Druck geraten.
Wer einen sehr langen Atem hat und sich mit der Dividendenrendite von 3,6% zufrieden gibt, der kann nach Erachten der Experten von "Heibel-Ticker" die Petrobras-Aktie als einen Depotbestandteil ins Auge fassen. Sie würden sich die Vorzugsaktien anschauen, dort gebe es ausreichend Handel. Für den "Heibel-Ticker PLUS" passe Petrobras nicht ins Portfolio, die Experten hätten schon andere Aktien, die am Energiepreis hängen würden. (Ausgabe 38 vom 24.09.2010) (27.09.2010/ac/a/a)
Offenlegung von möglichen Interessenskonflikten:
Mögliche Interessenskonflikte können Sie auf der Site des Erstellers/ der Quelle der Analyse einsehen.
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